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Andacht zur Populismus-Tagung der Evangelischen Kirche in Rostock am 26.04.2017 in der Petrikirche

Splitter und Balken

Liebe Mitarbeitende, Kolleginnen und Kollegen,
es gibt Momente, da muss ich mich entscheiden. Nämlich dann, wenn ich deutlich erkenne, was gut und was böse ist. Meistens erkenne ich das nicht. Nicht weil ich zu dumm dazu bin, sondern weil Gut und Böse nicht eindeutig sind. Aber manchmal sind sie es. Und dann muss ich mich dazu verhalten.

So erging es Kim Anh zum Osterfest vor zwei Jahren. An einem geheimen Ort in Hanoi hatten wir ein Treffen mit Dissidenten geplant. Kim Anh wollte eigens aus Saigon anreisen, weil sonst niemand bereit und vertrauenswürdig gewesen wäre, für uns zu übersetzen. Sie sprach sehr gut englisch und hatte bereits Urlaub genommen. Doch wenige Tage vor der Abreise wurde sie zu ihrem Chef gerufen. Sie hatte einen guten Job im Marketing für Sportschuhe. Ihr Chef hatte nur einen Satz für sie übrig: „Wenn du fährst, kann ich nichts mehr für dich tun.“ Sie verstand sofort und musste ihre Entscheidung treffen. Sie fuhr. Und auch ihr Chef musste daraufhin seine Entscheidung treffen: Er feuerte sie.

Mir kam das bekannt vor. Ich war 16, als ich wegen einer Unterschriftensammlung gegen die Ost Berliner Militärparaden von der Schule flog, was in einer Diktatur lebenslängliche Ächtung bedeutete. Auch ich hätte mich beugen können. Aber das hätte meinem Temperament widerstrebt. Was ich nicht wissen konnte: Es dauerte noch ein Jahr, dann war das Regime am Ende.

Rückblickend wirken solche Entscheidungen manchmal Lebens verändernd - für einen selbst und für andere. Vielleicht verhält es sich so ähnlich mit der Entscheidung der Jünger: Nach der Hinrichtung ihres Hoffnungsträgers war kein einziger zu seinem Fischerboot zurückgekehrt. Auch ich bin nach dem Mauerfall nicht an meine alte Schule zurückgegangen. Ich war bereits an einem Evangelischen Gymnasium, wurde Christ und darf heute hier vor Ihnen stehen. Und Kim Anh? Sie lebt noch immer in der Diktatur, aber auch sie bereut nichts. Im Angesicht des Auferstandenen, sagt sie, will sie sich nicht weg ducken, sondern aufrecht gehen.

Drei Entscheidungen zwischen Gut und Böse, nicht alltäglich, aber Lebens verändernd, Richtungs weisend, inspiriert von Gottes Geist.

Was machen wir nun mit den übrigen Situationen, wo Richtig und Falsch sich nicht so eindeutig gegenüberstehen? Das AfD Mitglied im Kirchengemeinderat. Der Kirchenasyl-antrag eines gesunden jungen Mannes, dem gar keine Verfolgung droht. Das Trau-begehren von Leuten, die aus der Kirche ausgetreten sind. Die Idee, kirchliche Stellen aus den Städten weg vor allem dorthin zu verlagern, wo kaum jemand wohnt. Auch hier kommen wir zu Entscheidungen, aber oft bin ich mir gar nicht so sicher, was hier das Richtige wäre.

Und dann noch unsere kirchliche Eitelkeit: Der Wunsch Recht zu haben, es besser zu wissen als die anderen, das Bedürfnis, wichtig zu sein, gefragt zu werden, sich - auch ungefragt - von der Kanzel zu allen tagespolitischen Ereignissen zu äußern, am liebsten mit der Bibel in der Hand - ich kenne das auch von mir. Aber ich sehe das durchaus kritisch.

Ja, für Außenstehende ist es manchmal nicht klar, wofür die Evangelische Kirche steht. Aber das hängt damit zusammen, dass wir eben keine politische Partei sind und schon gar nicht mit einer Stimme sprechen. Und darin sehe ich unsere Stärke. Ich bin auch Seelsorger derer, denen ich politisch niemals folgen würde.

Drei Tage vor Weihnachten bekam ich als Pastor einen anonymen Anruf. So etwas war mir noch nie passiert. Die Anruferin wollte wissen, ob in unserer Kirche „ein Ausländer wohne“. Sie wollte Heilig Abend gern in die Kirche kommen, aber nun hätte sie Angst. Da sie nicht bereit war, ihren Namen zu nennen, bekam sie von mir keine Auskunft. Statt dessen schrieb ich an die Adresse ihres Telefonanschlusses einen Brief. Darin äußerte ich meine Irritation über die Art des Umgangs mit mir und kündigte meinen Besuch für den 23.12. um 15.30 Uhr an. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir die Tür geöffnet würde. Aber man erwartete mich schon. Der Tisch war gedeckt und die ganze Familie anwesend. Eine Stunde haben wir miteinander geredet. „Der Mann in der Kirche ist vor den Leuten geflohen, vor denen Sie Angst haben.“ Am Ende fand die Schwiegertochter es gut, dass wir ihn aufgenommen haben, ihr Mann war gefühlsmäßig weiterhin ablehnend, die Mutter entschuldigte sich für den anonymen Anruf und kündigte an, Weihnachten nicht in die Kirche zu kommen, aber wegen ihrer Angstzustände einen Arzt aufzusuchen. Das meine ich, wenn ich sage, ich bin auch Seelsorger derer, denen ich politisch niemals folgen würde.

Wenn die drittstärkste Partei, wie vergangenes Wochenende geschehen, öffentlich zum Kirchenaustritt aufruft, dann ehrt mich das natürlich - ich bin auf der richtigen Seite und fühle mich da richtig wohl. Es stellt aber eben auch diesen meinen Anspruch in Frage: Seelsorger für alle zu sein.

Aus Gesprächen mit Politikern anderer Parteien weiß ich, dass sie nicht nur einem politischen Islam, sondern oft auch einem politischen Christentum kritisch gegenüberstehen. Das tu ich auch. Dabei will ich auf keinen Fall eine unpolitische Religion. Religion ist eine öffentliche Angelegenheit. Als solche hat sie immer eine politische Dimension. Das Neue Testament impliziert eine Fülle politischer Positionen. Sie sind eine natürliche Reaktion darauf, dass Rom sich gerade in eine Diktatur verwandelt hatte. Und wenn mir Christen aus Vietnam oder dem Iran begegnen, dann spüre ich viel von diesem subversiven neutestamentlichen Geist.

Was wir im Westen oft vergessen, wenn wir diesen Duktus unterdrückter Christen übernehmen und gegen Geld und Macht wettern: Wir leben nicht in einer Diktatur. Und wir brauchen auch nicht so zu tun als ob, nach dem Motto: Unrecht gibt es überall. Denn genau das wäre Populismus. Stark vereinfachend alles über einen Kamm scheren, sich selbst gerecht und allen anderen moralisch überlegen fühlen, aber auch nicht die Konsequenzen der eigenen Ideen tragen zu müssen.

Unsere Selbstgerechtigkeit führt mitunter zu abstrusen Theorien. So wird von kirchlichen Friedensethikern eine absolute Abstinenz von Gewalt zur Lösung jeglicher Konflikte gefordert. Mit Verweis auf die Bergpredigt wird auch in Fällen von Völkermord und Vertreibung jedes militärische Eingreifen abgelehnt. Das ist bequem vom sicheren Schreibtisch im Kirchenamt gesagt, aber es wird weder der Bergpredigt noch den Opfern von Völkermord und Vertreibung gerecht. Denn die Bergpredigt spricht von meinem Verzicht auf Selbstverteidigung, nicht aber davon, dass ich Dritte, die zu Opfern werden, nicht schützen darf. Nach dieser friedensethischen Theorie hätte auch dem Deutschen Reich nie der Krieg erklärt werden dürfen. Aber hier zeigt sich das Problem aller Ideologien. Sie klingen einleuchtend, sind in sich stimmig, aber die Wirklichkeit ist oft um ein Vielfaches komplizierter.

Die Synode der Nordkirche hat auf ihrer letzten Tagung ein solches Papier diskutiert. Obwohl es in erster Linie der Selbstvergewisserung derer dient, die es verfasst haben, hat die Synode es sich nicht zu eigen gemacht. Und das war klug. Denn fundamentalistische Ansätze aus den 1980er Jahren reichen nicht aus, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit seinen asymmetrischen Konflikten und gefährlichen Machtvakuen gerecht zu werden.

Niemand hat die Lösung. Die Kirchen hätten aber einen wertvollen Beitrag zu leisten: nämlich einen möglichst breit angelegten Diskurs zu etablieren und zu moderieren, auch mit solchen Strömungen, die wir nicht mögen. Dabei können eigene Positionen durchaus eingebracht werden, wenn sie die vorhandene Vielfalt widerspiegeln und nicht verabsolutiert werden. Dogmatismus und Ideologie sind nicht geeignet, andere mit an den Tisch zu holen. Aber wir brauchen eben auch die anderen, wenn wir den Zusammenhalt dieser Gesellschaft erhalten wollen. Ignorieren oder verteufeln - beides würde die Radikalen nur stärken. Argumenten sind sie dagegen weniger gewachsen. Das macht Mühe, aber es lohnt sich.

Am besten, es gelingt uns, das Böse dazu zu bringen, dass es sich selbst entlarvt. Und zwar nicht nur das Böse bei den anderen. Sondern vor allem auch das Böse bei mir, das ich so gern auf andere projiziere. Wie heilsam das sein kann, das wissen wir aus der Begegnung des Macht trunkenen Königs David mit seinem engsten Berater, dem Profeten Natan: „Du bist der Mann!“ (Sam B 12:7) Oder mit dem Bildwort des Jesus: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht? Wie kannst du deinem Bruder sagen: Lass mich den Splitter aus deinem Auge herausziehen, und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge heraus, dann wirst du deutlich genug sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.“ (Q 6:41-42 // EvThom 26:1-2)

Rostock, 26.04.2017
Kai Feller

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Predigt über die Pfingstgeschichte (ApostelgeschichteLukas 2:1-21) zur Konfirmation am Pfingstsonntag, 15.05.2016

Liebe Gemeinde, und heute ganz besonders:
liebe Sonja, lieber Johann mit euren Familien, Paten und Freunden,

Kim Anh lebt in Saigon, einer typischen asiatischen Millionenstadt mit Bürotürmen, Verkehrschaos und Slums. Sie arbeitet für eine private Marketingfirma im Vertrieb für Sportschuhe. Eines Tages bestellt ihr Chef sie zu sich ins Büro. Er hatte Besuch von der vietnamesischen Geheimpolizei und steht nun unter Druck. Die Geheimpolizisten können seinen Laden dicht machen. Sie haben das Internet von Kim Anh überwacht und wissen, dass sie zu Ostern an dem Treffen eines deutschen Pastors mit Dissidenten in Hanoi teilnehmen will. Ihr Chef soll das nun verhindern. Es ist seine Entscheidung. Stellt er sich hinter seine Mitarbeiterin, wird seiner Firma die Lizenz entzogen und alle verlieren ihren Job. Das will er nicht riskieren. Deshalb bestellt er die Mitarbeiterin ins Büro. Er versucht, sie von ihren Plänen abzubringen, und droht ihr, sie zu feuern, wenn sie doch zu dem Treffen in die Hauptstadt fährt. Jetzt liegt die Entscheidung bei ihr: Setzt sie sich über die Drohungen hinweg und folgt ihrem Gewissen, verliert sie ihren Job und setzt sich weiteren Schikanen der Staatsmacht aus. Knickt sie vor der Macht ein und fährt nicht, würde sie das als Verrat an ihren Freunden empfinden und an ihren Idealen. Zwei Menschen müssen sich entscheiden. Kim Anh entscheidet sich zu fahren; ihr Chef entscheidet sich, sie zu feuern. Und für beide war es die richtige Entscheidung: Sie hat sich ihre Freiheit und Würde bewahrt. Er hat sein business und die übrigen Angestellten gerettet.


...und der Mond wird sich in Blut verwandeln (Apostelgeschichte 2:20) Totale Mondfinsternis Osternacht 2015 Hanoi. Foto Kai Feller

Eine Entscheidungsgeschichte im fernen Vietnam, in die ich dort vor gut einem Jahr verwickelt wurde. Und der Ostervollmond über Hanoi färbte sich tatsächlich blutrot und verfinsterte sich am Vorabend unseres Treffens total. Damit sind wir in der Pfingstgeschichte angelangt. Auch sie ist eine Entscheidungsgeschichte: Erst mal ist es Gottes Entscheidung, dass er seinen Geist massenhaft verschenkt. Er hätte ihn auch für sich behalten können. Dann ist es seine Entscheidung, wem er seinen Geist schenkt und wem nicht. Der Geist Gottes weht, wo er will – deshalb kann auch die Geheimpolizei nicht jeden einschüchtern und manipulieren. Das Treffen der Jesus-Anhänger in Jerusalem war nämlich genauso riskant wie das der Dissidenten mit mir in Hanoi. Sie haben den Anführer gehängt; wer sagt, dass sie die Jünger nicht auch hängen werden? Aber die entscheiden sich, auch ohne Jesus weiterzumachen; und Gott entscheidet sich, ihnen dafür seinen Geist zu schenken.

Es ist der Geist des Lebens und der Wahrheit, der Menschen überall auf der Welt aufstehen lässt gegen Unrecht und Gewalt. Dieser Aufstand hat begonnen mit der Auferstehung des Jesus – zu sehen hier auf dem roten Banner, das wie ein Protest an der St. Josephs Kathedrale im Zentrum Hanois hing. Es hing dort zu Ostern, aber rot ist die Farbe des Pfingstfestes und die Auferstehung ist wie gesagt erst der Beginn eines weltweiten Aufstandes gegen Unrecht und Gewalt. Sie sehen hier, liebe Gemeinde, wie die unterdrückte Menschheit sich erhebt – animiert durch die Auferstehung dieses Einen. Selbstbewusst und aufrecht werdet ihr, Sonja und Johann, durchs Leben gehen, weil ihr durch die Taufe zu diesem Einen gehört und sein Geist euch die Kraft dazu gibt. Und andere werden, wie in der Pfingstgeschichte, achselzuckend daneben stehen und sagen: Heiliger Geist? Muss sowat wie'n Jespenst sein, und dit kann ick nich glooben. Oder: Die mit ihrem Heilijen Jeist haben einfach mal zuviel jefeiert.

Auferstehung. St. Josephs Kathedrale Hanoi. Foto Kai Feller 2015

Ja, Grund zum Feiern hätten sie allemal. Denn die Freiheit und Orientierung, die Ideale und die Gemeinschaft der Christen wären ohne diese Begeisterung durch ihren Schöpfer nicht denkbar. Und auch hier muss ich mich entscheiden: Lass ich den Geist wirken und mache mich damit möglicherweise bei anderen zum Gespött? Oder versperre ich mich diesem Wirken und bleibe gefangen in meinen eigenen Grenzen? In der Pfingstgeschichte werden zumindest für einen Augenblick die Sprachgrenzen überschritten. Bis heute kommen die meisten Menschen wegen der Sprachgrenzen nicht wirklich zusammen. Die Christin Kim Anh aus Saigon hat bei unserem Treffen mit den Dissidenten übrigens als Übersetzerin gewirkt. Dazu musste sie fast 2.000 Kilometer weit anreisen, da sich in der Hauptstadt offenbar niemand gefunden hat, der vertrauenswürdig genug und bereit gewesen wäre, diesen Job zu übernehmen. Das Überwinden der eigenen Angst und der Sprachbarriere sind Voraussetzungen für gegenseitiges Verstehen. Das ist ein mühsamer, aber lohnender Weg, der jedem Menschen offen steht.

Auch ihr, liebe Sonja, lieber Johann, werdet in Situationen kommen, wo ihr euch entscheiden müsst, und manchmal wird euch die Entscheidung schwer fallen. Aber ihr kommt nicht drum rum und werdet auf jeden Fall daran wachsen. Denn auch wenn ich nichts tue und einfach nur stillhalte, ist das eine Entscheidung – eben fürs Stillhalten. Vieles werdet ihr nicht beeinflussen können. Der Mond färbt sich blutrot und verfinstert sich auch ohne euer Zutun. Blut, Feuer und Rauch bedecken Teile der Erde, und ihr könnt nichts dagegen tun. Trotzdem – und das ist die crux – seid ihr verantwortlich: für euch, für eure Mitmenschen und in letzter Konsequenz für unsere Welt. Das ist ein Spagat, den keiner leisten kann. Niemand, kein Mensch! wird diese Welt retten. Die Rettung der Welt ist Gottes Sache, nicht unsere. Und doch bleiben wir für diese Welt verantwortlich, müssen uns entscheiden und dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns bei alledem in seiner Hand hält.

Kim Anh hat ihre Entscheidung, zu uns nach Hanoi zu fahren, übrigens nie bereut. Ihr Chef hat sie gefeuert, aber das war seine Entscheidung, mit der er nun leben muss. Sie ist aufrecht geblieben, ihrem Gewissen und dem Auferstandenen gefolgt und hat es nie bereut. Sie ist gegen den Strom geschwommen mit der Kraft des Heiligen Geistes.

So ereignet sich das Pfingstwunder von Neuem, und so bleibt der Glaube lebendig. Diesen Glauben werdet ihr heute mit der Gemeinde bekennen. Damit beginnt für euch der Weg eigenverantwortlichen Glaubens und Lebens in einer weltweiten Gemeinschaft, die die mit dem Pfingstwunder vor knapp 2.000 Jahren ihren Anfang nahm. Gottes Geist wird mit euch sein, wird euch Mut zu eigenen Entscheidungen geben, Freiheit von Zwängen jeder Art und Orientierung am Auferstandenen.


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Predigt über Jesaja 11:1-10, gehalten am 24.12.2015

Liebe Gemeinde,
auch wenn der 24.12. zu den verlässlichen Konstanten meines Kalenders zählt – in diesem Jahr, habe ich das Gefühl, ist etwas anders. Das mag an der ungewöhnlich warmen Witterung liegen. Oder auch daran, dass dieses Jahr für mich nur neun Monate hatte, die ich hier verbracht habe. Ich glaube aber, es liegt an etwas anderem. Alle Jahre wieder – erstrahlt beispielsweise die Dresdner Semperoper im Glanz weihnachtlicher Lichterketten. Dieses Jahr verkündet eine Videowand die Botschaft des Hauses: „Wir sind kein Bühnenbild für Fremdenhass – Ihre Semperoper“. Ist doch eigentlich klar, möchte man meinen. Aber dass es gesagt werden muss, zeigt: Es ist nicht klar, oder zumindest ist es nicht jedem klar, dass ein Opernhaus, wo ja Menschen aus aller Welt ein- und ausgehen, kein Bühnenbild für Fremdenhass sein kann.

Vieles ist eben anders in diesem Jahr. Menschen sind irritiert, verunsichert, ratlos. Ich bin es auch. Was ist los mit uns und unserer Welt? Gerät sie in einen Strudel immer stärkerer Polarisierungen, um am Ende darin zu versinken? Wie funktioniert das eigentlich, dass Menschen, die mir nichts getan haben, ja die ich nicht einmal kenne, zu meinen Feinden werden? Und wie komme ich dazu sie gar zu hassen? So möchte ich Menschen fragen, die sich eine extreme Haltung inklusive Feindbild zugelegt haben, egal zu welcher Gruppierung sie sich rechnen. Die sich angeblich gegenseitig bekämpfen, gleichen sich nämlich oft geradezu spiegelbildlich. Und brauchen einander als Feindbilder, um ihr Tun zu rechtfertigen. Wir beobachten das seit Jahren weltweit, aber mittlerweile eben auch in unserem Land. Und das ist es wohl, was irritiert, verunsichert, ratlos macht. Auch mich.

Der deutsche Außenminister formulierte es bei verschiedenen Gelegenheiten zuletzt so: „Die Welt“, so sagte er in Anspielung auf Shakespeares Hamlet und nicht ohne Pathos, „ist aus den Fugen.“ „Ist sie nicht, sie hat nämlich keine“, kommentierte jemand geistreich. Die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält und ob es da überhaupt etwas gibt, das diese Welt zusammenhält, ist eine religiöse bzw. religionskritische Frage. Der Außenminister wollte natürlich nicht philosophieren, sondern zu entschlossenem Handeln aufrufen. Das muss er auch. Wir hingegen können uns hier in der Kirche den Luxus leisten, unsere Irritation, Verunsicherung und Ratlosigkeit auszuhalten und sogar als Chance zu begreifen. Denn es ist ja unsere Identität, die hier in Frage steht. Also: Wer bin ich? Wer bin ich für andere? Wer möchte ich für andere sein? Und natürlich auch die Frage: Wer sind wir? Wen meinen wir eigentlich, wenn wir „wir“ sagen? Wer gehört dazu und wer nicht? Was macht uns aus? Wer wollen wir sein? Und für wen?

Liebe Gemeinde, in Zeiten wie diesen fangen manche an zu träumen. Von einer besseren Welt oder vom eigenen kleinen Glück, von einer umfassenden Versöhnung oder von einem, der mit starker Hand alles richten wird. Natürlich wissen wir, dass solche Träume unrealistisch sind. Aber sind sie es wirklich?

Noch Jahrhunderte vor der Geburt des Christus, als es mal wieder ganz schlimm war, besaß einer die Vermessenheit, etwas zu träumen, das nun wirklich unrealistisch war. Wir wissen nicht, wer er war, und wir wissen auch nicht, wem wir es zu verdanken haben, dass sein Traum Eingang in die Bibel fand. Aber hören Sie selbst, und fragen Sie bitte nicht, wie man das machen kann, was der da träumt:

Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und Treue der Gurt seiner Hüften.
Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber, junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. Ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.
Es wird geschehen zu der Zeit, dass das Reis aus der Wurzel Isais dasteht als Zeichen für die Völker. Nach ihm werden die Heiden fragen, und die Stätte, da er wohnt, wird herrlich sein.
                                                                                                                                      Jesaja 11:1-10

Wie gesagt, fragen Sie nicht, wie man das machen kann. Man kann es nicht. Träume sind nun mal nicht machbar. Gott sei Dank. Sonst hätten wir bald nichts mehr zu träumen. Es lohnt sich aber zu träumen, denn solange ich sehe, wie die Welt sein könnte, werde ich mich nicht damit abfinden, wie sie ist. Träume sind also etwas wie eine Arznei gegen die Gleichgültigkeit. Sie widersprechen der Wirklichkeit in dem Sinne, dass diese, so wie wir sie jetzt sehen, nicht so sein muss, also nicht Gott gegeben ist. Sie könnte auch anders aussehen: Wölfe wohnen bei den Lämmern (wie ruhig die dann allerdings schlafen, weiß ich nicht), Kinder spielen mit Raubkatzen und der Löwe wird zum Vegetarier. Keiner tut mehr Böses, alle sind nur noch mit Gott beschäftigt. -

„Zu unwahrscheinlich“, sagen Sie? Vielleicht. Aber für die damaligen Verhältnisse eben auch nicht abwegiger, als dass da endlich mal einer an die Macht kommt, der nicht korrupt ist, sondern der vernünftig ist, Charakter hat und seine Grenzen kennt. Eigentlich nicht zu viel verlangt, würde man heute meinen, aber wir wissen ja, wie das ist. Immerhin: Jahrhunderte später fühlten manche sich sofort an jenen alten Traum erinnert, als sie von Jesus Christus hörten. Und auch wenn der nie an die Macht gekommen ist, hat sich für diese Menschen doch etwas von jenem alten Traum erfüllt. Ein Wunder, das schon damals niemand mehr für möglich gehalten hatte und das noch heute in der Weihnacht gefeiert wird. Jemand, der vernünftig ist, Charakter hat und seine Grenzen kennt, wird – nicht als Machthaber, aber als wahrer Mensch identifiziert. Doch das ist noch nicht das Wunder, das kommt erst noch: Der Gott, der es nicht fertig gebracht hat, auch nur einen Machthaber mit solchen Standards auszustatten, verzichtet nun seinerseits konsequent auf jegliche Macht und identifiziert sich mit so einem machtlosen Menschen.

Das ist das eigentliche Wunder der Weihnacht, und hier hat auch der verwegene Traum von den friedlich gewordenen Raubtieren seinen Bezug zur Wirklichkeit: Ein mächtiger Baum, abgehauen von mächtigen Männern, ist tot. Aus dem toten Stumpf kann nichts mehr kommen, sagt die oberflächliche Erfahrung, die ja immer alles besser weiß. Doch! sagt der Traum: Ein kleines Reis ist doch entsprungen. Das ist das Wunder, das wir in dieser Weihnacht feiern.

Vielleicht konnte Gott es nicht verhindern, dass der Baum gefällt wird. Aber die ihn gefällt haben, konnten es eben auch nicht verhindern, dass so ein kleines Zweiglein ihm entspross. An dieser unscheinbaren Stelle hat sich jener alte Traum bereits erfüllt. Und ich glaube, es sind auch heute eher unscheinbare Regungen, in denen sich solche Erfüllung fortsetzt.

Vielleicht konnte Gott es nicht verhindern, dass Hélène Leiris am 13. November im Bataclan Opfer eines Attentats wurde. Aber die dieses Attentat verübt haben, konnten es eben auch nicht verhindern, dass das Mitgefühl mit den Hinterbliebenen stärker ist als der Hass auf die Täter. Bereits drei Tage später wandte sich Hélènes Ehemann Antoine in einem offenen Brief an die Mörder und damit an die Öffentlichkeit. Seitdem gehen seine Worte um die Welt, werden millionenfach im Netz verbreitet, in Zeitungen gedruckt und in Weihnachtsrundbriefen zitiert. Ich möchte mich dem anschließen und Antoine Leiris die letzten Worte überlassen in der Hoffnung, dass sie für uns alle zu einer ermutigenden Weihnachtsbotschaft werden:

„Freitagabend habt ihr das Leben eines außerordentlichen Wesens geraubt, das der Liebe meines Lebens, der Mutter meines Kindes, aber ihr bekommt meinen Hass nicht. Ich weiß nicht, wer ihr seid und ich will es nicht wissen, ihr seid tote Seelen. Wenn dieser Gott, für den ihr blind tötet, uns nach seinem Bild geschaffen hat, dann muss jede Kugel, die meine Frau getroffen hat, eine Wunde in sein Herz gerissen haben.
Nein, ich werde euch nicht das Geschenk machen, euch zu hassen. ...
Selbstverständlich frisst mich der Kummer auf, diesen kleinen Sieg gestehe ich euch zu, aber er wird von kurzer Dauer sein. Ich weiß, dass sie uns jeden Tag begleiten wird und dass wir uns in jenem Paradies der freien Seelen wiedersehen werden, zu dem ihr niemals Zutritt erhalten werdet.
Wir sind jetzt nur noch zwei, mein Sohn und ich, aber wir sind stärker als alle Armeen dieser Erde. Ich will euch jetzt keine Zeit mehr opfern, ich muss mich um Melvil kümmern, der gerade von seinem Mittagsschlaf aufwacht. Er ist gerade mal 17 Monate alt; er wird seinen Brei essen wie jeden Tag, dann werden wir gemeinsam spielen wie jeden Tag und sein ganzes Leben wird dieser kleine Junge euch beleidigen, indem er glücklich und frei ist. Denn nein, auch seinen Hass werdet ihr nicht bekommen."

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09.11.1989 - Friedliche Revolution und Mauerfall - Taufgottesdienst am 09.11.2014

Liebe Gemeinde,
irgendwo zwischen Berlin und Hannover, nicht direkt auf dem Weg, sondern etwas nördlich davon, liegt die Hansestadt Osterburg, von der die meisten von Ihnen sicher noch nie etwas gehört haben. Von hier sind es noch einige Kilometer und man kommt nach Lüchow-Dannenberg. Anfang Oktober 1989 war ich zur Landschulwoche in der Altmark. In mächtigen Backsteinkirchen sangen wir mit unserem Schulchor alte Choräle und Madrigale. Jeweils zu zweit waren wir bei Privatleuten untergebracht. Die Menschen waren aufgewühlt, die Grenze zur Tschechoslowakei war gerade geschlossen worden, es war die letzte gewesen, die man noch ohne Antragstellung hatte passieren können. Für mich persönlich bedeutete das, dass ich meine Mutter nicht mehr sehen konnte, die in Westberlin lebte und immer nach Prag flog, um mich dort zu treffen. Die Luft knisterte fühlbar. Wie Kriminelle wurden wir aus den Zügen geholt, mussten uns ausweisen und begründen, warum wir gerade in diesem Zug von Stendal nach Salzwedel unterwegs waren. Die Menschen, die damals in dem Alter waren, in dem ich heute bin, hatten eigentlich schon mit dem Leben abgeschlossen. Sie hofften auf nichts mehr, zumindest auf nichts Großes. Aber unser jugendlicher Leichtsinn machte ihnen Mut. In einem Evangelischen Pfarramt in Perleberg fanden wir eine Vervielfältigungsmaschine vor und nutzten diese, um Flugblätter zu drucken, die ich dann nach Berlin mitnahm. Mit klopfendem Herzen trug ich sie im Rucksack über den Alexanderplatz. Gepäckkontrollen bei Jugendlichen mit entsprechendem äußeren Erscheinungsbild waren damals nicht auszuschließen. Ich musste die U2 nach Pankow nehmen. Die U8 nach Kreuzberg fuhr zwar auch unter dem Alexanderplatz durch, aber das war ein toter Bahnhof, das heißt der war zugemauert und die Züge fuhren durch ohne zu halten, damit niemand aufspringen und fliehen konnte.

Ich nahm also die U2 nach Pankow, die in der Schönhauser Allee oben fährt. Dann die Durchsage im Zug, dass dieser am Bahnhof Schönhauser Allee nicht hält. Also noch ein toter Bahnhof, auch ohne Westbezug. Ich bekam Angst. Krallte mich an dem Rucksack mit den Flugblättern fest. Dann sah ich von oben aus dem Fenster die Gethsemane Kirche in einem riesigen Polizeikessel. Einige Hundert, vielleicht Tausend Menschen mit Kerzen in den Händen standen schwerbewaffneten Einheiten mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegenüber. Tränen schossen mir in die Augen. Mein Herz raste. Ich fühlte mich ohnmächtig. Zorn stieg in mir auf. Jetzt verstand ich, warum die U-Bahn nicht hielt.

Warum erzähle ich Ihnen das? Was die Menschen damals wollten, wonach sie sich sehnten und woran sie glaubten, das war ein erfülltes Leben. Vielleicht war das zu viel verlangt. Aber so vermessen waren wir: Wir wollten ein erfülltes Leben. Nicht: ein gleich geschaltetes Rad im Getriebe mit gesellschaftlich nützlichem Berufswunsch. Eine vorgefertigte Fließbandbiografie, in die der Einzelne wie Knetmasse in eine Form gepresst wird, das wollten wir nicht. Sondern ein erfülltes Leben, das wollten wir. Ein Leben, das nicht glatt geht, ein Leben mit Risiko, aber eben auch Spaß, ein Leben, dessen Wert nicht an seinem Nutzen gemessen wird, sondern das seinen Wert um seiner selbst willen hat. Kurz - ein Leben in Fülle und Wonne, so formuliert es der 16. Psalm, Taufspruch für Antje K., die damals keine drei Jahre alt war, als der hässliche eiserne Vorhang fiel, der Europa geteilt und die Menschen im Osten zu Vasallen gemacht hatte: Vielleicht hat sie jemand beherzt auf den Schoß genommen und ihr die Fernsehbilder vom weltbewegenden Mauerfall gezeigt: Du tust mir kund den Weg zum Leben: Vor dir ist die Fülle und Wonne zu deiner Rechten ewiglich (Psalm 16:11, Taufspruch Antje).

Dieser Anspruch, liebe Gemeinde, mag 25 Jahre nach dem Mauerfall schon wieder zu hoch erscheinen. Keine Ordnung, keine Gesellschaft kann Glück und Erfüllung generieren. Glück ist kein Dauerzustand und Erfüllung liegt wohl doch jenseits unserer Möglichkeiten. Deshalb spricht der Psalm ja auch von einem Weg zum Leben. Glück und Erfüllung sind letztlich nicht verfügbar. Aber der Weg dahin ist vor 25 Jahren für viele frei geworden, Eigenverantwortung mit der Möglichkeit des Scheiterns inklusive. Der 16. Psalm ist deshalb hilfreich, weil er Glück und Erfüllung nicht in meine Hände legt: Vor dir, Gott, ist die Fülle. Und Wonne ist zu deiner Rechten, Gott, ewiglich. Das macht mich frei davon, mich selbst oder andere für mein Glück verantwortlich zu machen. Ich bin nicht meines Glückes Schmied, sondern an meiner Biografie schmieden ganz viele herum, die meisten, ohne dass sie davon etwas merken. Es sind oft Umstände, die sich so ergeben haben. Dass in der Nacht zu meinem 18. Geburtstag der ganze Mauerspuk ein Ende hat und ich wenige Stunden später mit Hunderttausenden auf dem Ku'damm feiern kann - es hat sich eben so ergeben.

25 Jahre später wird Nane getauft, und zwar so, wie es in dieser Dorfkirche seit 700 Jahren geschieht. Vielleicht wird sie diese Kirche in 75 Jahren mal wieder aufsuchen. Dann lebt niemand mehr, der den Mauerfall bewusst erlebt hat. Der 100ste Jahrestag wird dann ein Ereignis für geschichtlich Interessierte sein. Die Wolken sind darüber hinweg gegangen. Nane wird auf ihr Leben zurückblicken, mit ganz anderen Problemen, wird vielleicht - wird hoffentlich! ihren Enkeln davon erzählen können, wie Europa zusammengewachsen ist.
Aber erst mal wird sie auf Deutschlands größte Insel zurückkehren, wo sie Tag für Tag die Weite des Himmels sieht, an dem die Wolken gehen. Vielleicht an ihrem fünften Tauftag, am 9. November 2019, wird jemand mit ihr an den Strand gehen, sie auf den Schoß nehmen und ihren Blick in die Weite richten: Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen (Psalm 36:6, Taufspruch Nane).

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25.08.1944 - Gedenkgottesdienst zur Ermordung dreier US Soldaten am 25.08.2013

Liebe Gemeinde, liebe Mitmenschen,

Amerikaner und Deutsche – sie haben sich 1944 nicht gemocht, und auch heute gibt es hier und da Dissonanzen. Wir sagen dann immer: Zwischen Freunden ist das normal; aber eine Klärung fällt doch schwer und bleibt meistens aus. Vielleicht ist das so, weil wir uns so nahe stehen und teilweise ja auch miteinander verwandt sind. Ein Kollege aus Michigan, dessen Familie seit dem 19. Jahrhundert dort lebt, erzählt, wie er vor 15 Jahren erstmals nach Steffenshagen kam und stolz verkündete, er sei mit der Familie Schoof verwandt. Was er nicht wusste: dass einer aus dieser Familie leider der Täter des US Soldaten Mordes war. Weil kein Schoof mehr in der Nähe wohnt, und weil die Familie Pentzin gut bekannt ist, sagt er jetzt immer, dass er mit der Familie Pentzin verwandt sei, was im Übrigen auch stimmt.

Amerikaner und Deutsche – sie haben gemeinsame Wurzeln, und zu diesen Wurzeln gehört natürlich wesentlich die jüdisch-christliche Überlieferung der Bibel mit ihrem zentralen Thema der Mitmenschlichkeit. Im Lukasevangelium wird eine Szene nachgestellt, in der es um dieses Thema geht: Mitmenschlichkeit. Beispielhaft veranschaulicht an einer Begegnung zwischen einem verletzten Mann aus Judäa und einem helfenden aus Samaria – deren Bewohner sich auch nicht mochten, weil sie sich so nahe standen.

Sieh doch:
Da kam ein Schriftgelehrter
und wollte Jesus auf die Probe stellen.
Er fragte ihn:
"Lehrer, was soll ich tun,
damit ich das ewige Leben bekomme?"
Jesus fragte zurück:
"Was steht im Gesetz?
Was liest du da?"
Der Schriftgelehrte antwortete:
"Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deiner ganzen Kraft
und mit deinem ganzen Willen.
Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst."
Jesus sagte zu ihm:
"Du hast richtig geantwortet.
Halte dich daran
und du wirst leben."

Aber der Schriftgelehrte wollte seine Frage rechtfertigen.
Deshalb sagte er zu Jesus:
"Wer ist denn mein Mitmensch?"
Jesus erwiderte:

"Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab.
Unterwegs wurde er von Räubern überfallen.
Die nahmen ihm alles weg,
auch seine Kleider,
und schlugen ihn zusammen.
Dann machten sie sich davon
und ließen ihn halb tot liegen.
Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg herab.
Er sah den Verwundeten
und ging vorbei.
Genauso machte es ein Levit,
als er zu der Stelle kam:
Er sah den Verwundeten
und ging vorbei.
Aber dann kam ein Reisender aus Samaria dorthin.
Als er den Verwundeten sah,
hatte er Mitleid mit ihm.
Er ging zu ihm hin,
behandelte seine Wunden mit Öl und Wein
und verband sie.
Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier,
brachte ihn in ein Gasthaus
und pflegte ihn.
Am nächsten Tag holte er zwei Silberstücke hervor,
gab sie dem Wirt
und sagte:
'Pflege den Verwundeten!
Wenn es mehr kostet,
werde ich es dir geben,
wenn ich wiederkomme.'

Was meinst du:
Wer von den dreien ist dem Mann,
der von den Räubern überfallen wurde,
als Mitmensch begegnet?"
Der Schriftgelehrte antwortete:
"Der Mitleid hatte
und sich um ihn gekümmert hat."
Da sagte Jesus zu ihm:
"Dann geh und mach es ebenso."

Mitleid ist im Krieg rar angesichts der Uferlosigkeit des Leidens. Unübersichtlich stellt sich die Situation den Akteuren dar und wird stärker als sonst perspektivisch wahrgenommen. Der Bomber mit der Nummer 42-51086 befand sich gerade auf dem Rückflug von einem Angriff auf die Rostocker Flugzeugwerke. Der Nachfahre eines betroffenen Bauern schreibt dieser Tage: „Um sich für den Rückflug zu erleichtern, haben die Bomber einfach die Schächte aufgemacht und die restlichen Bomben blindlings abgeworfen. So eine Bombe traf dann die Scheune meiner Großeltern in Evershagen. Es ist zum Glück keiner dabei ums Leben gekommen; mein Großvater Susemihl hatte aber seine ganze Getreideernte in der Scheune eingelagert, die nun über Tage ausbrannte."

Amerikaner und Deutsche – die einen hatten gute Gründe, die Angriffe zu fliegen. Geschichtlich gesehen, war das notwendig im Sinne des Wortes. Die andern, die Betroffenen, waren verständlicherweise zornig und haben sich natürlich verteidigt so gut sie konnten. Niemand kann sich aussuchen, wann und wo er oder sie geboren wird. Wir genießen den Segen einer späteren Geburt und können dafür nur dankbar sein. Die ethische Frage bleibt aber für jeden von uns: Woher nehme ich die Kriterien für mein Tun und Lassen? Wonach entscheide ich, was Recht und Unrecht ist?

Die biblische Botschaft ist hier eindeutig und zeigt eine rote Linie auf, die niemand, zu keiner Zeit und unter keinen Umständen, überschreiten darf: In dem Augenblick, wo mir ein Mensch wehrlos gegenübersteht, darf ich ihn nicht mehr als Feind bekämpfen, sondern er ist jetzt mein Schutzbefohlener und ich muss ihn als Mitmenschen behandeln.

Dass das auch unter den Bedingungen einer Diktatur möglich war, zeigt das Beispiel eines Fischers aus Warnemünde: Friedrich-Franz Peters war Christ und kein Nazi. Er sieht, wie ein US Soldat aus einer angeschossenen Maschine mit dem Fallschirm über der Ostsee abspringt. Nach anderthalb Stunden hat er ihn gefunden und ins Boot gehievt. Er war noch am Leben. Der Fischer notiert, was auf der Erkennungsmarke steht: John M. Russel. Dann übergibt er ihn dem Zoll in Warnemünde. Bis zu seinem Tod weiß der Fischer nicht, ob der Soldat den Krieg überlebt hat. Erst sein Sohn Erwin Peters trifft 2010 in Kalifornien den Mann, inzwischen 88jährig, den sein Vater 1944 aus dem Wasser gezogen hatte.

Eine gelungene Umsetzung der biblischen Beispielgeschichte vom barmherzigen Samariter, die ja beide, Amerikaner und Deutsche, miteinander teilen.

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