Bericht des Regionalpastors

Verehrte Mitglieder der Regionalkonferenz, liebe Schwestern und Brüder,
manche von Ihnen sitzen zum ersten Mal in dieser Runde, andere sind schon seit vier oder mehr Jahren dabei. Vielleicht haben Sie sich soeben in den Kleingruppen auch ein bisschen kennen gelernt. Jedenfalls sind wir jetzt alle miteinander auf dem Weg. Sechs Jahre liegen vor uns. Die erste volle Amtsperiode nach Gründung der Nordkirche. Und wir beginnen gleich mit der Erarbeitung von Stellenplänen. Der Wahl der Kirchenkreissynode. Mitten im Reformationsjubiläum halten wir inne und fragen uns: Wozu machen wir das eigentlich alles? Und was heißt es für unser Tun und Lassen, wenn wir bekennen, dass Gott sich unserer Verfügung entzieht, sein Geist weht, wo er will, und wir weder Glauben wecken noch Gottes Reich errichten können?

Angewiesen auf Gnade

Noch nie in der 500jährigen Reformationsgeschichte ist solch ein Jubiläum so frei von konfessioneller oder politischer Vereinnahmung gefeiert worden. Als Men-schen, die vor ihrem Schöpfer praktisch mit leeren Händen dastehen, fühlen wir uns solidarisch mit denen und erleben uns selbst als solche, die Gottes freundliche Zuwendung vielleicht gar nicht verdient haben. Mit den sogenannten anderen: Katholiken oder Orthodoxen, Juden, Muslimen, Religionslosen oder Patchwork-Religiösen - mit ihnen verbindet uns genau das: Wir sind angewiesen auf Gottes freundliche Zuwendung, die sich mitunter sehr menschlich ereignet. Die Würde, mit der Gott ausnahmslos jeden Menschen begabt hat, ist für mich ein starker Ausdruck dieser Zuwendung. Und sie hängt eben nicht von mir ab, nicht von meiner Persönlichkeit, nicht von dem, was ich leiste oder worin ich versage. Dass auch das Scheitern dazugehört, das kann ich an meiner eigenen Biografie, aber eben auch an biblischen Geschichten gut nachvollziehen. Die Passionszeit lädt gerade dazu ein, das Scheitern bei mir und bei anderen in meinen Gottesglauben zu integrieren.

Gemeinsam beten – miteinander reden

In diesem Sinne lassen Sie mich nun einen Rückblick auf die vergangenen vier Jahre werfen. Wo blieb alles beim Alten? Was war neu und vielleicht auch gewöhnungs-bedürftig? Was ist uns miteinander gelungen? Was nicht?

Von Ehrenamtlichen erlebe ich, wie sie Angebote der Kirchenregion dankbar annehmen und durch den Austausch mit anderen gestärkt werden. Zu den Konstanten zählen hier die Gottesdienste am Reformationsfeiertag und am Pfingstmontag. Ich selbst fühle mich erst jetzt in unseren Kirchen wirklich zu Hause. Meine Anregung, die Pfingstgottesdienste nicht immer am selben Teich zu feiern, sondern die Orte zu wechseln, führten uns in die verwunschene Kirche von Althof wie in den Kühlungsborner Konzertgarten. Neu hinzu gekommen sind Klausurtage für die Mitglieder aller Kirchengemeinderäte. Themen waren zum Beispiel: Politischer Extremismus in Kirchengemeinden, das Kirchenasyl in rechtlicher und praktischer Hinsicht oder der Islam in Deutschland - als öffentlicher Diskussions-abend mit dem Dialogbeauftragten der Schura Abu Ahmet Jakobi.

Singende Region

Was unsere Region in besonderer Weise zusammenhält, das ist in meinen Ohren die Kirchenmusik. In guter Erinnerung habe ich das gemeinsame Singen unserer Chöre in Lichtenhagen und Steffenshagen sowie auf den Bartholdy-Konzerten im Rahmen der Jubiläen des ersten deutschen Seebades und seines Berliner Badegastes. Daran knüpfen nun die Kantoren Andreas Hain und Matthias Bönner mit einer regionalen Kantorei zur Aufführung des Elias an - und beziehen dabei den Schulchor des Friderico-Francisceum sowie die Kreismusikschule mit ein. Die Reformatoren wären begeistert. Ich bin es auch!

Was Kollegialität, das Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen und die Bereitschaft, sich über die eigene Gemeinde hinaus zu engagieren, angeht, kann ich von unseren Kirchenmusikern nur lernen. Auch wenn ich dafür keine Beweise habe: Ich bin mir sicher, dass mehr Menschen durch Musik zum Glauben kommen als durch alles, was ich als Theologe von mir gebe. Bei der Verabschiedung von Uwe Pilgrim als Kantor in Kühlungsborn wie auch bei der Einführung seines Nachfolgers David Suchanek wurde mir klar: Wenn ich Qualität halten will, muss ich die Freiheit der Kunst respektieren. Ein Kirchenmusiker ist nicht dazu da, die Inhalte des Glaubens mit den Mitteln der Musik zu verkündigen. Das wäre viel zu wenig. Die Musik ist nicht einfach nur Mittel zum Zweck. Hatte ich bei der Einführung übrigens auch schon gesagt. Denn dies haben Kunst und Religion gemeinsam: Dass sie zweckfrei sind und sich niemals verzwecken lassen, auch nicht von der Kirche. Lebenshilfe, Fastenaktionen und Benefiz - alles schön und gut. Aber hier ist mehr als das. Um dem gerecht zu werden und die Freiheit der Kunst zu gewährleisten, empfiehlt sich aus meiner Sicht die Gründung eines Fördervereins sowie die Bildung eines Kirchenmusikausschusses mit eigenem Budget.

Mut zur Kompetenz

Damit komme ich auf unser pastorales Kollegium zu sprechen. Ich persönlich hätte bei der Fusion der Nordkirchen auf so etwas wie Regionen, Propsteien oder Sprengel verzichtet. Statt dessen hätte ich für deutlich größere und damit stärkere Gemeinden plädiert. Nach vier Jahren in der Leitung eines Gebildes, das ich eigentlich abschaffen wollte, bin ich vorsichtiger geworden. Nun erkenne ich auch die Stärke unserer kleinen Gemeinden. Vielen Menschen vermitteln sie ein Gefühl von Vertrautheit und Nähe. Man kennt sich. Darin liegt für eine öffentliche Institution natürlich auch eine Gefahr. Wir Hauptamtlichen müssen darauf achten, dass wir mit den Jahren nicht in unseren Gemeinden aufgehen, sondern auch deren erkennbares Gegenüber bleiben, ansprechbar für Außenstehende, verlässlich und mit dem nötigen Abstand für Insider. Gut wären gemeinsame Standards: Wer einen Geistlichen kontaktiert, erhält innerhalb von 24 Stunden eine Reaktion ggf. mit Terminvorschlägen. Abendmahl für alle, die es begehren, Taufen, auch wenn die Eltern keiner Kirche angehören, Haustaufen, Strandtrauungen, Trauerfeiern nicht ausgelagert in Friedhofshallen, sondern wenn möglich in der Kirche, auch für Nichtmitglieder mit weltlicher Rede, Gebet und Segen - all das möchte ich nicht zähneknirschend zulassen, sondern in Respekt vor der Glaubensfreiheit anderer mit ihnen auf Augenhöhe gemeinsam gestalten.

Religion und Gesellschaft

Zugleich möchte ich noch einmal dafür werben, was Bischof von Maltzahn während seiner Besuchswoche in der Region angeregt hat: Jeder Mensch findet in seinem Lebensumfeld ein attraktives Gesprächsangebot in Glaubensfragen vor. Als jemand, der selbst ohne Religion aufwuchs und nur durch einen politisch-biografischen Sondereffekt mit der Evangelischen Kirche zu tun bekam, ist mir persönlich daran gelegen. Unser Verhältnis zu Menschen, die ohne Kirche leben, haben wir daher auf der Landessynode zum Schwerpunktthema der Nordkirche für die kommenden sechs Jahre gemacht. Die alte, im Osten durch zwei Diktaturen bedingte Trennung von „Drinnen“ und „Draußen“, Kirche und Welt, Religion und Gesellschaft hat nun endlich die Chance überwunden zu werden. Und jedem erneuten Versuch, Religion zur „reinen Privatsache“ zu erklären und damit faktisch aus dem öffentlichen Bewusstsein zu verbannen, kann ich mich nur entgegenstellen. Denn hier wird, nicht selten im Namen der Toleranz, genau das Gegenteil dessen praktiziert: Wer sich an religiösen oder kulturellen Symbolen stört, handelt zutiefst intolerant. Der kleinkarierte Kopftuchstreit in Europa wie auch das peinliche Ablegen der Bischofs-kreuze durch Marx und Bedford-Strohm am Tempelberg zeigen die Auswüchse eines verkrampften Umgangs mit Religion, die ja ihrem Wesen nach vielfältig ist und seit jeher von Vielfalt lebt. Gott sei Dank, gelingt das Zusammenleben dann oft besser als solche Schlagzeilen vermuten lassen. Immerhin sitzen hier an diesem Tisch drei Mitglieder eines neu gegründeten Gemeindeausschusses für Religiöse Gemeinschaften. Das Gute liegt eben doch oft nahe.

Chancen des Miteinanders

À propos Nähe. Fast hätte ich sie vergessen: unsere Häuser. Dass wir hier begonnen haben, für die kommende Generation strategisch zu planen, war für manche ein Sakrileg, für andere ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Auch wenn der Prozess sachlich begründet war und wir durch die Schule der Landentwicklung externe Moderation, Transparenz und Beteiligung hergestellt haben, muss ich persönlich eingestehen, die emotionale Seite dieses Prozesses unterschätzt zu haben. Immerhin führte unser Umgang mit der Thematik zu einer fundierten Reflexion in einer Masterarbeit, die ich begleiten durfte. Wer sich dafür interessiert, kann sie gerne bei mir ausleihen.

Ich komme zum Schluss. Wir beschäftigen uns ja am liebsten mit uns selbst. Struktur- und Stellenplanungen kosten Zeit und Mühe. Wenn wir es gut hinkriegen, können wir aber viel gewinnen: Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche (bzw. auf das was wir dafür halten). Gemeinden können ihr Profil schärfen. Und ich muss nicht mehr alles alleine machen, sondern kann endlich mal das tun, was mir liegt und wozu ich Lust habe. Haben Sie Lust mitzumachen? Dann lade ich Sie heute schon herzlich dazu ein. In Ihrer Gemeinde, in dieser Kirchenregion oder kandidie-ren Sie für das Parlament des Kirchenkreises, die Kirchenkreissynode. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit Ihnen.

Lambrechtshagen, 07.04.2017
Kai Feller